Rückflugroute

Junioren WM 2011 in Brasilien – Freitag, 25.11.

Anna Nobis
Vor der Partie

Vor der Partie

– Die Tage gleichen sich. Ich habe mich so an die Zeitverschiebung und an den Tagesrhythmus gewöhnt, dass ich mittlerweile bis 11.30 Uhr deutscher Zeit schlafe. Wie soll das nur ab Mittwoch wieder in der Schule werden?

Insgesamt merkt man, dass Schach doch ein Individualsport ist. Die anderen Spieler trifft man vormittags eigentlich nur zu den Mahlzeiten – dafür nehmen wir uns dann aber auch Zeit zum Quatschen. Den restlichen Vormittag ist jeder individuell am Vorbereiten auf den nächsten Gegner.
Ich würde schon ganz gern mal in den großen Aquapark gegenüber der Hotelanlage gehen, aber vor der Runde geht nicht, das macht zu müde und nach dem Spiel (meistens gegen 19.00 Uhr) ist schon geschlossen. Vielleicht ist am Samstag etwas Zeit. Die letzte Runde beginnt schon 10.00 Uhr, da abends dann Siegerehrung ist.

Unsere Hotelzimmerterrasse geht ja zu einer Poolseite hin. Die Hotelgäste mit Blick zur anderen Seite, auf eine dschungelartig angelegte Anlage, haben inzwischen die kleinen Affen (sind fast zum Balkon reingeklettert) und große umherfliegende Papageien gesehen. Seitdem liegt Mutti ab und zu dort auf der Lauer, um diese vor die Kamera zu bekommen – bisher ohne Erfolg!
In einigen der Pool-Anlagen, befindet sich übrigens mitten im Wasser eine Bar. Die dort Angestellten tun mir eigentlich leid. Nein, nicht, dass sie den ganzen Tag im Wasser stehen – die Bar ist schon trocken, nur die Gäste sitzen im Wasser – wenn welche da sind! Denn die Bars sind zwar den ganzen Tag offen, aber es ist wenig Betrieb – außer Schach-Spielern sind nicht viele andere Gäste hier und Schach-Spieler sind nicht gerade dafür bekannt, viel Umsatz zu machen.

Meine Partie habe ich verloren. Dabei hat die Vorbereitung genau gepasst – die Variante, die wir uns intensiv angesehen haben, kam genau auf das Brett. Bis ich im 16. Zug von der Vorbereitung abgewichen bin – da hatte ich einen vollen Aussetzer, denn die Fortsetzung, die ich dann gewählt hatte war einfach nur schlecht. Kurz darauf ein zweiter Fehlzug und ich quälte mich zwar noch lange im Versuch das Turmendspiel mit einem Minusbauern remis zu halten, aber es gelang nicht. Ok, morgen letzter Versuch.

Samstag, 26.11.11 – Der letzte Spieltag. Schon komisch, wie schnell die Zeit weg ist. Mittlerweile haben wir schon für den Rückflug morgen Abend eingecheckt. Ich freue mich zwar wieder auf meine Freunde zu Hause, würde es aber auch noch eine Weile hier aushalten! Auch mit den vielen Stunden Schach am Tag, wofür mich manche meiner Klassenkameraden bedauern – aber das sind eben Nicht-Schach-Spieler!

Heute sollte mich Mutti 7.00 Uhr wecken, da ich mich wieder intensiv vorbereiten wollte und die Runde, wie erwähnt, bereits 10.00 Uhr beginnt. Hat sie aber nicht. Ich hätte so fest geschlafen und ausreichend Schlaf ist manchmal die beste Vorbereitung, meint sie. Ich bin anderer Meinung und ein wenig ärgerlich. Die Columbianerin, gegen die ich spielen werde, ist immerhin auf Rang 5 der Startliste. Aber das Turnier ist wohl für sie nicht so gut gelaufen, denn eine Endplatzierung unter den ersten 20 dürfte für sie nicht mehr drin sein. Eine knappe Stunde Vorbereitung schaffen wir noch ehe es zum Frühstück und ins Spiellokal geht. Auf zur letzten Partie. Ich sitze am Brett, als der brasilianische Schiedsrichter zu mir kommt und mir sein Schiedsrichter-Schlüsselband mit den Worten „I`ll give you that, because you are a very nice person“ schenkt. Ich wäre immer so freundlich gewesen und er hätte sich gefreut, mich in seiner Gruppe zu haben. Eine nette Geste. Ich hänge es mir gleich um, vielleicht bringt es ja Glück.

Hat es leider nicht! Nachdem ich ein total gewonnenes Springerendspiel heraus gespielt hatte, übersah ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit eine zweizügige Falle, verlor meinen Springer und damit die Partie! Die Tränen liefen lange und Mutti hatte Schwerstarbeit zu bewältigen.
Am Ende sind es nur 4 Punkte und Platz 54.

Nach vielen tröstenden Worten von allen Seiten, Mittag essen und einem Stadtbummel war ich dann doch wieder fröhlich, freute mich, dabei gewesen zu sein. Auch wenn ich mein Ziel nicht erreicht habe, so habe ich gegen schwere Gegner ein gutes Turnier gespielt, viel gelernt, viel erlebt, neue Schachfreunde kennen gelernt und mir jede Menge Motivation geholt.
Sonntagnacht fliegen wir dann wieder gen Deutschland, werden Montag am späten Nachmittag in Frankfurt landen, übernachten dann dort noch einmal und treffen Dienstagnachmittag wieder zu Hause ein. Mein Abenteuer ist beendet und ich nehme mir fest vor, viel zu trainieren, um so etwas noch einmal erleben zu dürfen!

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